Cecil Rhodes hatte dies verstanden. Im Jahr 1895, nachdem er Zeuge einer Versammlung von Arbeitslosen im Londoner East End geworden war und „nur den Schrei nach ‚Brot! Brot!‘“ vernahm, formulierte er die brutale Logik, die ein Jahrhundert imperialer Expansion antreiben sollte:
„Ich war mehr denn je von der Bedeutung des Imperialismus überzeugt. Meine geliebte Idee ist eine Lösung für das soziale Problem, d. h., um … das Vereinigte Königreich vor einem blutigen Bürgerkrieg zu bewahren, müssen wir Kolonialisten-Staatsmänner neue Gebiete erwerben, um die überschüssige Bevölkerung anzusiedeln und neue Märkte für die in den Fabriken und Bergwerken produzierten Güter zu erschließen. Das Empire ist, wie ich immer gesagt habe, eine Frage des täglichen Brotes. Wenn man einen Bürgerkrieg vermeiden will, muss man zum Imperialisten werden!“
Rhodes beschrieb besagten „spatial fix“ [Abhilfe durch Raumergreifung], noch bevor dieser Begriff überhaupt aufgekommen war. In seiner Darstellung waren die Kolonien entscheidende Druckventile – keine Symbole des Nationalstolzes. Ohne sie würden die dem industriellen Kapitalismus innewohnenden Widersprüche die Mauern des britischen Staates gesprengt haben. Fabriken würden schließen. Das Kapital würde stagnieren. Die Armut würde um sich greifen. Die Gesellschaft würde sich polarisieren. Die Arbeitslosen würden randalieren oder revoltieren. Das System würde sich selbst zerreißen.
Er hatte natürlich Recht. Seit fünf Jahrhunderten überlebt das System, indem es genau das tut, was Rhodes vorgab: Neue Welten zu finden, um die Widersprüche des Systems zu absorbieren. Durch besagte „raumgreifende Lösung“ hat der Kapitalismus die unvermeidliche Auseinandersetzung mit seinen eigenen inneren Widersprüchen immer wieder aufschieben können.
[Anmerkung der Redaktion: Cecil Rhodes war jener Mann, der zusammen mit ausgewählten Mitstreitern ab 1890 eine Allianz zwischen USA und Großbritannien konzipierte und verdeckt vorantreiben ließ, was im Ersten Weltkrieg gipfelte. Eine Tatsache, die deutschen „Führern“ selbst 35 Jahre später noch nicht gewahr wurde, sodass diese meinten Großbritannien „helfen“ zu können – siehe „Mein Kampf“.]
Doch Lösungen sind von Natur aus vorübergehend. Jeder neue Markt folgt letztendlich demselben Weg. Jedes neue Arbeitskräftepotenzial organisiert sich zuletzt. Jeder neue Markt produziert schließlich seinen eigenen Kapitalüberschuss, für den es innerhalb der Grenzen des Systems keinen profitablen Absatzmarkt gibt. Jeder neue Markt kommt zur Sättigung, sodass das System weiterzieht – schneller, ausgreifender und unter wachsender Gewalt. Doch nachdem die letzte Grenze zum Ende gekommen ist und es keine Welten [Kolonien], keine [neuen] Märkte mehr zu erobern und keine billigen Ressourcen mehr auszubeuten gab, dann würde diese Stunde der Wahrheit, wie Rhodes für Großbritannien befürchtete – ein „Great Unwinding“ [„eine große Abwicklung“] nach sich ziehen und das gesamte System verschlingen lassen.
Wendepunkt: Von der raumgreifenden zur temporären Lösung
Nachdem die letzten geografischen Grenzen Ende des 20. Jahrhunderts zu Ende gegangen waren, wandte sich das System nach innen, um finanzielle Lösungen für seine internen Krisen zu finden:
Das war die neoliberale Revolution!
Das System vollzog einen Schwenk von einer raumgreifenden zu einer temporären Lösung. Es begann, seine eigene Zukunft zu konsumieren:
- Das System lieh sich vom Morgen, um das Heute aufrechtzuerhalten.
- Es ließ zukünftige Unsicherheiten in den Anschein heutigen Reichtums verwandeln.
Diese Finanzialisierung – das stratosphärische Wachstum des Finanzsektors – ist kein Indikator für wirtschaftliche Gesundheit, sondern die Frucht besagter neoliberalen Revolution.
Um zu begreifen, was geschehen ist, müssen wir das Wesen dessen verstehen, was Marx mit „fiktivem Kapital“ bezeichnete. Denn im grundlegendsten Sinne …
… stellen Aktien, Anleihen, Derivate und alle damit verbundenen Finanzinstrumente kein realen Reichtum dar!
Sie sind nur Ansprüche auf zukünftigen Reichtum in der einen oder anderen Form:
- Es handelt sich um vertragliche Ansprüche auf zukünftige Produktionen, die zum Zeitpunkt der Emission noch nicht existierten.
- Der Aktienmarkt repräsentiert in diesem Sinne kein Eigentum an produktiven Unternehmen, sondern Ansprüche auf noch nicht erwirtschaftete Gewinne.
Das gesamte Finanzgefüge stellt ein gewaltiges Konstrukt aus Ansprüchen auf eine Zukunft dar, die noch nicht eingetreten ist.
Die neoliberale Revolution der letzten fünfzig Jahre hat das Wachstum dieses Schuldenimperiums durch Deregulierung, Privatisierung, Monopolkonsolidierung und den Abbau sozialer Sicherheitsnetze ermöglicht:
- Sie hat die Rolle des Staates von der Bereitstellung sozialer Güter hin zum Dienst an der Verschuldung verlagert
- Sie hat die Bevölkerung darauf konditioniert, Schulden als natürliche Folge des Lebens zu akzeptieren
- Sie hat sich in dem Bestreben, die Gegenwart zu verlängern, zunehmend weiter und weiter in die Zukunft hineingefressen
Dies geschah zu einer Zeit, in der die reale Produktionsbasis ihrer Wirtschaft bereits stagnierte oder sogar geschrumpft war. In diesem Zeitraum bestand die Lösung für jede Krise darin, noch mehr nachzulegen und die Pyramide immer höher zu bauen, bis ihre Spitze kaum noch sichtbar war.
Doch ein Versprechen auf zukünftige Gewinne ist keine Garantie. Dennoch wurden die Gewinne dieser Finanzialisierung – vertraglich gesicherte zukünftige Erträge – bereits ausgegeben: Sie wurden umgewandelt in Herrenhäuser und Superyachten, Privatjets und Weltraumflüge für die Finanzelite!
Betrachtet man beispielsweise den ersten Billionär der Welt:
Elon Musks Vermögen steht nicht für geschaffenen Wert, sondern für angeeigneten Wert!
Der Börsengang von SpaceX stellt Ansprüche auf eine Zukunft dar, die noch nicht eingetreten sind:
- Auf noch nicht geleistete Arbeit
- Auf noch nicht geschaffenen Wert
- Auf eine außerplanetarische Kolonisierung, die vielleicht erst in Generationen, falls überhaupt, stattfinden werde
Der digitale Reichtum, der elektronische Bilanzen füllt, ist nur einer, der vom Morgen geliehen wurde!
Je weiter das System in die Zukunft vordringt, um die Gegenwart zu verlängern, desto verzweifelter wird die Suche nach Sicherheiten, um die Fundamente der Pyramide aufzufangen. Zumal heute auf dem eurasischen Kontinent – dem geopolitischen Herzen der Welt – zwei große Kriege toben, erreichen wir die Endphase dieser Logik. Die temporäre Lösung ist ins Stocken geraten und das System ist zur räumlich [ausgreifenden] Lösung zurückgekehrt. Doch mit einem entscheidenden Unterschied:
Es gibt keine neuen Welten mehr zu erobern!
Nur noch alte Welten, die liquidiert werden müssten: Die verbleibenden staatlichen Vermögenswerte jener Mächte [Anmerkung der Redaktion: Wie z.B. China], denen es gelungen ist, sich der Unterwerfung durch das pyramidale Finanzsystem zu entziehen.
Fukuyamas „Ende der Geschichte“ war in Wahrheit das „Ende [die Grenzen] der Welt“. In das Ende [die Begrenzung] …
… der Welt, in die der [Finanz-]Kapitalismus seine periodischen Krisen und seine systemische Gewalt noch exportieren konnte!
Die Gewalt, die einst in die Peripherie exportiert wurde, musste nun nach Hause zurückkehren. Die temporäre Lösung hat damit versagt, doch was bleibt, ist nur ein letzter verzweifelter Versuch einer endgültigen raumgreifenden Lösung, um eine zusammenbrechende Pyramide rekapitalisieren zu können.
Fortsetzung mit Teil 2 folgt
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Zum Autor: Ryan Perkins ist Senior Analyst und als Editor für den Global Economic Indicator tätig. Er lebt in Peking. Seine Analysen wurden in internationalen Medien wie dem „The Atlantic Magazine“ veröffentlicht und sowohl von Unternehmen wie auch Thinktanks in Anspruch genommen. Sein Substack-Blog erreichte Platz 49 in der Kategorie „Weltnachrichten und Politik“.
Diese neue Serie von Ryan Perkins wird die Anatomie des System-Zusammenbruchs nachzeichnen – von der Verschmelzung des nationalen Kapitals zu transnationalem Kapital und der Entstehung der globalen Finanzhegemonie über die Schaffung des Schuldenstaates und den Aufstieg des fiktiven Kapitals bis hin zur letzten Jagd nach Sicherheiten, um das Gebilde zu stützen. Eine Jagd, die nun droht, uns alle zu verschlingen.
- Der UM-Artikel von Ryan Perkins (30.7.2026) „Die zweite Front des globalen Finanzimperiums“ – Teil 1a erschien: HIER
- Der Artikel von Ryan Perkins (30.7.2026) “The Inevitability of Collapse in the Age of Financialization” im englischen Original: HIER